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File:Zangenfabrik Willimann im Generalstreik 1918.pdf

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    Deutsch: Die Geschichte der Zangenfabrik Willimann in Beromünster ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie tief der Schweizer Landesstreik von 1918 selbst kleine Handwerks- und Industriebetriebe beeinflusste. Während der Generalstreik meist aus nationaler Perspektive betrachtet wird – mit Fokus auf Zürich, Bern oder das Oltener Aktionskomitee –, zeigt der Fall der Zangenfabrik Willimann, wie die sozialen Spannungen des Ersten Weltkriegs bis in ländliche Regionen und Familienunternehmen hineinwirkten.

    Der Landesstreik von 1918 war die grösste soziale Krise der modernen Schweiz. Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz zwar neutral, doch die Bevölkerung litt stark unter Inflation, Lebensmittelknappheit und sozialen Ungleichheiten. Besonders Arbeiterfamilien hatten Mühe, ihre Existenz zu sichern. Lebensmittelpreise stiegen massiv an, während viele Löhne kaum angepasst wurden.

    Im November 1918 rief das Oltener Aktionskomitee zum Generalstreik auf. Rund 250'000 Arbeiter beteiligten sich daran. Der Streik dauerte vom 12. bis 14. November 1918 und brachte die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs. Der Bundesrat mobilisierte die Armee gegen die Streikenden. Obwohl der Streik abgebrochen wurde, führte er langfristig zu wichtigen sozialen Reformen.

    Auch die Zangenfabrik Willimann blieb von diesen Entwicklungen nicht verschont. Laut der Firmenchronik sank nach dem Ersten Weltkrieg die Nachfrage nach Zangen stark. Gleichzeitig stiegen die Lebenshaltungskosten drastisch an. Die Arbeiter der Fabrik fühlten sich wirtschaftlich unter Druck gesetzt und verlangten höhere Löhne.

    Die Konflikte in der Fabrik spiegelten die Spannungen wider, die damals im ganzen Land herrschten. Arbeiter wollten nicht länger hinnehmen, dass ihre Löhne mit der Inflation nicht Schritt hielten.

    Besonders interessant sind die erhaltenen Briefe aus dem Jahr 1919, welche die Arbeiter an die Firmenleitung schrieben. Diese Dokumente geben einen seltenen direkten Einblick in die Denkweise und Lebensrealität einfacher Industriearbeiter jener Zeit.

    Die Arbeiter argumentierten, dass Lebensmittel, Kleidung und Schuhe „um drei bis vierhundert Prozent gestiegen“ seien. Mit ihren bisherigen Löhnen könnten sie „unmöglich anständig leben“. Deshalb verlangten sie deutliche Lohnerhöhungen. Einige Arbeiter forderten: einen Tageslohn von zehn Franken, andere mindestens 6.50 Franken pro Tag.

    Die Briefe zeigen deutlich das wachsende Klassenbewusstsein der Arbeiterschaft. Die Arbeiter betonten ihre Solidarität und erklärten: „Einer für alle und alle für einen.“ Zudem drohten sie, dem Schweizerischen Uhrenarbeiterverband beizutreten, falls ihre Forderungen ignoriert würden. Das zeigt, wie sich Arbeiter zunehmend gewerkschaftlich organisierten.

    Die Antworten der Arbeiter auf die Haltung der Firmenleitung wurden teilweise sehr emotional und scharf formuliert. Die Arbeiter warfen den Besitzern mangelndes soziales Verständnis vor und erklärten, man könne Arbeiter nicht mehr „wie abgehetzte Hunde“ behandeln.

    Gleichzeitig befand sich auch die Fabrik selbst in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Nachfrage nach Werkzeugen war nach Kriegsende eingebrochen. Jean Willimann musste laut Firmenchronik sogar Geld aufnehmen, um die Löhne bezahlen zu können. Die Fabrik produzierte deshalb Zangen „auf Vorrat“, offenbar in der Hoffnung auf bessere Verkaufszahlen in der Zukunft. Doch diese Strategie konnte die Krise nicht dauerhaft lösen. Später mussten Arbeiter entlassen werden.

    Der Konflikt in der Zangenfabrik Willimann zeigt exemplarisch, dass der Generalstreik nicht nur ein Ereignis der grossen Städte war. Auch kleinere Betriebe in abgelegenen Regionen wurden von den sozialen Spannungen erfasst.

    Der Fall verdeutlicht mehrere wichtige Entwicklungen: Die Arbeiter traten selbstbewusster auf als früher. Sie akzeptierten niedrige Löhne nicht mehr stillschweigend und organisierten sich solidarisch. Die enorme Teuerung nach dem Krieg führte zu existenziellen Problemen. Selbst voll arbeitende Familienväter konnten kaum ihre Familien ernähren. Traditionelle patriarchale Beziehungen zwischen Fabrikbesitzern und Arbeitern gerieten ins Wanken. Die Arbeiter verlangten Anerkennung, Mitbestimmung und gerechtere Löhne. Nicht nur Arbeiter litten unter den Nachwirkungen des Krieges. Auch kleinere Unternehmen standen wirtschaftlich unter grossem Druck.

    Heute gilt der Landesstreik von 1918 als Wendepunkt der Schweizer Sozialgeschichte. Viele Forderungen der Streikenden wurden später umgesetzt: Einführung der 48-Stunden-Woche, Ausbau der Sozialversicherungen, stärkere politische Beteiligung der Arbeiterbewegung.

    Die Geschichte der Zangenfabrik Willimann macht sichtbar, wie diese grossen historischen Entwicklungen konkret im Alltag einzelner Menschen wirkten. Die erhaltenen Briefe sind wertvolle historische Quellen, weil sie nicht nur politische Forderungen dokumentieren, sondern auch die Sorgen, Hoffnungen und den Stolz der damaligen Arbeiter.

    Die Ereignisse rund um die Zangenfabrik Willimann während des Generalstreiks von 1918 zeigen eindrucksvoll die sozialen Spannungen der Nachkriegszeit in der Schweiz. Der Konflikt zwischen Arbeitern und Fabrikleitung entstand aus wirtschaftlicher Not, steigenden Preisen und dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

    Obwohl die Fabrik ein kleiner Betrieb in einer ländlichen Region war, spiegelten sich dort dieselben gesellschaftlichen Konflikte wie in den grossen Industriezentren des Landes. Die Arbeiter forderten höhere Löhne, mehr Respekt und bessere Lebensbedingungen. Die Firmenleitung kämpfte gleichzeitig ums wirtschaftliche Überleben.

    Damit steht die Geschichte der Zangenfabrik Willimann beispielhaft für die tiefgreifenden Veränderungen, welche die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg prägten.
    Date
    Source https://willimann-sanitaer.ch/Firmenchronik (Privatarchiv)
    Author Markus Willimann

    Wortgetreue Übersetzung vom Original:

    (Erster Brief, die Forderung) Münster, den 12. April 1919, Gebr. Willimann Werkzeugfabrik Münster

    Wir hoffen Sie nicht zu beleidigen, wenn wir Arbeiter mit einer Eingabe um Lohnaufbesserung an Sie gelangen, da die Lebensmittel, Kleider, Schuhe, überhaupt alles um drei bis vierhundert Prozent gestiegen und immer noch im Steigen begriffen sind. So fühlen wir Arbeiter uns veranlasst unseren Lohn dermassen zu erhöhen, dass wir einigermassen anständig leben können. Mit diesem Lohn, den wir jetzt erhalten ist es unmöglich sich anständig durchzubringen. Sie wissen ja auch was jetzt die Lebensmittel und Kleider überhaupt alles kosten und wissen es auch ganz genau, dass es einem Arbeiter unmöglich ist, mit diesem Lohn einigermassen recht gekleidet zur Arbeit zu gehen. Und zweitens sind wir, wenn unsere kleine Forderung schon bewilligt wird, dennoch mit dem Lohn nach anderen Geschäften noch weit im Rückstand. Da überall ein Metallarbeiter fast den doppelten Lohn bezieht, was wir hier besitzen und zudem noch eine grosse Zulage beziehen. wir sind gewiss nicht Arbeiter die einen Meister überfordern. Wir sind mit wenig ganz zufrieden, das müssen Sie selbst eingestehen. Sonst hätten wir auch schon längst, wir und andere Arbeiter, eine grosse Zulage verlangt. Wir stellten uns aber bis dahin immer zufrieden. Aber Not bricht Eisen und daher sehen wir uns veranlasst, folgende Forderung an Sie zu stellen. Und zwar zahlbar auf den nächsten Zahltag. Es verlangen einen Taglohn von zehn Franken die Unterzeichneten: Wechsler Johann, Zwinggi Franz, Josef Meier. Und einen Taglohn von sechs Franken fünfzig: Hans Müller. Wir hoffen, dass wir Sie nicht überfordert haben, da ja keine anderen Zulagen inbegriffen sind. Sollen einst bessere Zeiten eintreffen, so sind wir zu jeder Stunde wieder bereit mit Ihnen betreffs Lohnverhältnis in Unterhandlung zu treten. sämtliche unterzeichneten Arbeiter haben sich solidarisch erklärt und beharren auf Ihre Forderung. Sollte unsere Eingabe nicht voll gerechtfertigt werden, so fühlten wir uns veranlasst sofort in den schweizerischen Uhrenarbeiterverband einzutreten, der dann die weiteren Schritte einleiten würde. Wir hoffen es aber nicht tun zu müssen, da unsere Forderung von jedermann gerechtfertigt wird. Wir hoffen daher, dass Sie unser Forderung rechtfertigen werden. Mit Hochachtung, Wechsler Johann, Zwinggi Franz, Josef Meier, Hans Müller


    (Zweiter Brief, die Antwort) Münster, den 17. Juni 1919, Hochgeehte Herren Willimann!

    Ihre Antwort auf unsere Eingabe verdanken wir ihnen auf's Beste. In Bezug auf dieselbe müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir von einem Jahreseinkommen von 2246 Franken bis dahin noch weit entfernt standen. Wir haben erst seit kürzerer Zeit einen Taglohn von 7.20 Franken und wenn wir diesen höchsten Lohn das ganze Jahr bekommen, so würde das erst ein Einkommen von 2160 Franken ausmachen. Erstens: Wir möchten Sie anfragen, ob Sie vielleicht geneigt wären, dem betreffenden Arbeiter Anleitung zu geben, wie ein Familienvater von 8 Kindern die 2160 Franken verwenden soll, um sich und die Familie selbstständig und ehrlich durchzubringen. Zweitens: Wenn der betreffende Arbeiter ein Gewicht von 90 bis 100 Kilo aufweisen würde, so träge nicht sein ganzes Einkommen dazu bei, sondern die Mildtätigkeit seines Kostgebers. Und vermöchte der Betreffende ein wenig mehr Weisswein zu trinken, so würde ihm seine Fettleibigkeit auch verschwinden. Drittens: Betreff's Kleidung können wir ihnen nur anraten, bei der jetzigen Zeit auch in die Fremde zu ziehen und mit einem Taglohn von 6.50 Franken bis 7.20 Franken zu arbeiten, dann mögen wir Sie gerne bewundern in der neuen Kleidung, wenn Sie zurückkommen. Viertens: Was Müller anbetrifft ist das nicht seine Schuld, dass er bei Ihnen zum Pfuscher geworden ist, sondern die Schuld müssen wir denen überbinden, die ihn dazu gelehrt haben. Und zudem braucht es keinen Menschenverstand mehr, um zu glauben, dass sich ein solcher Bursche mit sage 5 Franken durchbringen kann bei der jetzigen Zeit. Was die anderen zwei anbelangt wo Sie glauben, dass sie mit unserer Eingabe nicht einig gehen sollen, trifft das ja gar nicht unsere Schuld. Wir haben sie dazu gar nicht bemütigt. Wenn Sie jetzt noch nicht einsehen, dass Sie noch hundert Jahr hinter der heutigen Zeit stehen, so ist das uns egal. Und zudem macht das uns sehr lächerlich, dass Sie einen Arbeiter als Lohnkalkulator sortieren, der arbeitet, um sein Leben lang täglich Geld zu verdienen, und zudem nach dreissig oder mehr jähriger Tätigkeit im gleichen Geschäft nicht im Stande sein soll, ein Stück fertig zu bringen, wie es die Lieferung verlangt. Und der andere, wird gewiss Lohn genug haben, man sieht es ja, dass er weniger Waschtücher besitzt, um seinen lausigen Schädel einmal zu waschen. Und zudem hat er vielleicht nicht noch andere Wäsche, sodass er die ganze Zeit hindurch den gleichen Kittel tragen muss bei der Arbeit. Fünftens: Was das gute Auskommen zwischen Meister und Arbeiter anbelangt, da wollen wir Ihnen das Recht lassen. Wir standen ja bis dato immer auf gutem Fuss miteinander, und zwar deshalb, weil wir immer glaubten, dass Sie so viel Verständnis besitzen, und ihre Arbeiter auch als Menschen halten würden und nich als abgehetzte Hunde. Wir sind gewiss auch Menschen so gut wie andere und müssen uns auch für unsere Existenz wehren so gut wie Ihr. Essen und Kleider bekommt einer im Zuchthaus und zu dem noch etwas Lohn. Aber wir wären mit unserem Lohn nicht im Stande bei der jetztigen Zeit nur einmal rechte Kleider anzuschaffen, vergessen noch was zu erübrigen. Und was müssten wir bei längerer Krankheit anfangen? Unser Lohn fürs Schuften würde bald weg sein. Sie zeigen uns sehr wenig soziales Verständnis, wenn Sie noch glauben es gehöre einem fleissigen Arbeiter nur das Essen und schlechte Kleider. Wir stehen jetzt eben in einer anderen Zeit und nicht mehr in der Zeit, wo man die Arbeiter in eine Ecke stellen kann. Wenn ja ihr Geschäft so schlecht steht und wenn Sie glauben, bei einem Taglohn von 10 Franken bringen wir fleissigen Arbeiter in Ihrem Geschäft nichts mehr heraus, obwohl wir für Sie bei Ihnen schuften, so ist das nicht unsere Schuld. Wenn Sie uns keine Beschäftigung mehr bieten können, wobei wir ja auch Leben müssen, so sind wir steht's bereit uns von Ihnen verabschieden zu lassen und anderswo für unser Fortkommen Beschäftigung zu suchen, die uns ein besseres Dasein bieten kann. Wir können Ihnen somit nur mitteilen, dass wir auf unsere Eingabe immer beharren werden und unsere Solidarität bewahren, so dass keine Einzelunterhaltung stattfinden kann und darf. Unser Prinzip lautet: Einer für alle und alle für einen, dies zu Ihrem besonderen Vermerk. Immerhin hoffen wir aber, dass Sie etwas weitsichtiger sind und einen weiteren Blick in geschäftlicher Beziehung tun werden, weil unsere Forderung voll und ganz berechtigt ist in der heutigen Zeit. Immerhin hoffen wir, auf Ihre Genehmigung und auf ein weiteres Zusammmenarbeiten mit Ihnen. Indessen begrüssen wir Sie mit aller Hochachtung. Jhre Arbeiter

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